Mein Fazit zur Milan Design Week 2026? Ich freue mich auf Kopenhagen!
- Leila Selvi
- 8. Juni
- 5 Min. Lesezeit
Die Milan Design Week war einmal der wichtigste Seismograf der globalen Designindustrie. Ein Ort, an dem Neugierde, Risiko, manchmal auch Scheitern sichtbar wurden. Die Bilder und die Captions, die in den letzten Wochen durch die Feeds laufen, erzählen Bände und offenbaren lauter neue Trends: Schwarzer Lack, viel Glas in allen Variationen, roter Marmor und Cognac-Leder reden uns das neue Luxusgefühl ein! Ich schaue in mein Esszimmer auf meine Tossberg Stühle und frage mich ernsthaft: Ist das Luxusgefühl von 2026 das IKEA-Design von 2019? So viel Neues also auf der Salone del Mobile?
Salone del Mobile: Music for the Masses
Dort spielte man in diesem Jahr Music for the Masses: nichts Bahnbrechendes, nichts wirklich Neues, dafür gleich viel Vergangenheits- und Zukunftsbeschwörung mit Vintage- und Raumschiff-Enterprise-Vibe. Immerhin aber gab es viel verdauliches Mainstream-Design, technisch tadellos, kommerziell kalkuliert. Aber ein begeistertes Wow, ein verzücktes Ooooh, das das Herz höher schlagen lässt? Eher nicht.
Fuorisalone: Isaac Asimov auf Absinth
Die Fuorisalone dagegen war eine andere Welt. Wenn die Salone eine Sonntagsmatinée war, dann war die Fuori eine Party mit Isaac Asimov auf Absinth und Madonna aus der Erotica-Ära: Science-Fiction trifft auf Frivolität, Eskapismus auf kunstvolle Pseudoprovokation. Wo man sich umschaute, sah man surreale Habitate aus einer Traumwelt, mit Metallmatratzen und Fakirbetten, aufblasbaren Hüpfburgen und teuerstem Marmor, immersive Erlebnisse fernab der wohnlichen Realität.
Ob man es humorvoll, geistig oder sonst wie anregend findet, auf einem Rotkohl im Karussell zu fahren, durch ein (zugegebenermaßen aus der Luft faszinierendes!) Labyrinth meditativ wandernd eigene Geisteszustände und Orientierungsfähigkeiten zu erforschen, sei genauso jedem/r überlassen wie auch die Frage, welche Erkenntnisse die in Teppiche eingewebte Sexualität und Körperlichkeit einer sich selbst zur „second wave feminist" zählenden Künstlerin im Jahre 2026 beim Liegen auf der metallisch schimmernden Matratze vermitteln. Kann es nicht einfach nur ein schöner Raum sein (und wunderschön war ja Toogoods Raum wirklich!) mit interessanten Möbeln und Kunstgegenständen? Ja, dem Spektakel würde bei vielen Installationen auf der Fuori mehr Raum und Aufmerksamkeit gegeben als dem Inhalt.
Immersion als Ablenkungsstrategie
Die Milan Design Week ist heute ein hochpräzises Instrument der Markenkommunikation. Die Branche wirkt verzweifelt. Die Hersteller überboten sich gegenseitig mit exklusiven, immersiven, interaktiven Erlebnissen, betörten und benebelten alle Sinne mit Sensationen, Visionen, Düften, Klängen. Was in dieser Woche sichtbar und vor allem fühlbar wurde, ist ein meisterhaft inszenierter Eskapismus. Und ich sage das ohne Häme, weil die Inszenierungen teilweise wirklich beeindruckend waren. Filmkulissenreife Interiors, durch die BesucherInnen zogen wie durch eine Ausstellung, in der man nichts anfassen darf. Eine Installation, perfekt gestylt, aber man durfte nicht sitzen. Das sagt eigentlich alles.
Das Paradox: Je größer der Aufwand, desto weniger Substanz. Immersion als Ablenkungsstrategie. Wenn alle Sinne beschäftigt sind, stellt man keine Fragen mehr. Das ist vermutlich der Punkt. Und dass es der Industrie wieder besser gehen möge!
Spektakel ist kein Plan
Natürlich ist das ein legitimer und auch dringend notwendiger Wunsch, aber die Branche ließ keinen eindeutigen Plan erkennen. Spektakel ist kein Plan, vor allem, wenn so viele und so krasse Gegensätze sichtbar sind: Einerseits geht man den Pakt mit McDonalds ein, lässt die kalifornische Luxusdesignerin den bohemian Vibe für den Massenmarkt entwerfen, setzt aber andererseits auf hochpreisige Kunst, pusht den Design-Collectibles-Markt bis zum Umfallen und beschränkt, pardon „kuratiert", Zugänge zu Ausstellungsflächen auf allen Enden und Ecken. Stundenlang für die Gucci- oder Louis-Vuitton-Spektakel anzustehen, um sich für ein paar Augenblicke als Elite zu fühlen und in die vermeintlichen Designwelten abzutauchen, ist genauso wenig ein Überlebensplan wie die aufblasbaren Ideen aus den 90ern auferstehen zu lassen. Draußen steht also eine halbe Million Menschen Schlange, um überall Visionen einer entmenschlichten Welt zu sehen.
Mausoleen, Banktresore und ein Fels in der Brandung
Von Jil Sanders rabenschwarzem Stelenmahnmal für Bücher bis zur Banktresorästhetik der Dimoregallery über die in Stein gemeißelte Monumentalität entlockte mir die Fuorisalone vor allem viele Ufffffs. Innerhalb so mancher Großinstallation fühlte man sich im besten Fall eingeschüchtert und im schlimmsten bekam man kaum Luft. Es ist ja dennoch nicht so, dass diese Installationen nicht auch irgendwie schön oder zumindest beeindruckend waren. Doch, das waren sie, wirklich. Aber möchte man wirklich das Gefühl haben, dass ein Zuhause uns Menschen beherrscht, uns weder Spielraum noch Gestaltungsmöglichkeiten lässt und unser Sein so massiv beeinflusst, dass man, wie ein geschätzter Designkollege kürzlich sagte, nicht einmal imstande sei, den Hocker selbst zu verschieben, weil, nun ja… zu schwer? Ach, genau, da ist ja bloß eine Inszenierung, nur feinstes Storytelling aus Fels und Stein, getarnt als Luxushaus, eine fast spirituelle Oase in der Wüste des aufblühenden Neokapitalismus, geopolitischer Umwälzungen und wirtschaftlicher Unsicherheiten. Zum Glück bot uns Margraf einen Fels in der Brandung. Ein Mausoleum.
Wo bleibt der Mensch?
Gemütlichkeit, Nahbarkeit, Menschlichkeit waren in dieser Woche auf der Messe fast nirgends zu spüren. Nur dort zeichneten sich diese Grundbedürfnisse schemenhaft ab, wo man die vergangenen Zeiten beschwor wie bei Gucci und Marimekko/Bar Unikko. Ansonsten zelebrierte man im großen Stil menschenleere Räume der Zukunft, inszenierte Designstücke zu unberührbaren Ausstellungsexemplaren und Kunstinstallationen, sowie andersherum, man tarnte Kunst und Krempel als Design.
Man visualisierte eine entmenschlichte Welt, die angesichts der Besuchermassen in Mailand gleichermaßen ironisch wie realitätsfremd war.
Neben unzähligen anderen Messe- und Fuori-Installationen entführte auch die (an sich großartig designte) Ausstellung der Salone Raritas, so schön und übersichtlich sie auch war, die BesucherInnen in eine menschenleere Welt, in der Design distanziert, selbstreflexiv und sich selbst genug ist. Aber macht ja irgendwie auch Sinn: Wenn es in Zukunft keine Menschen mehr gibt, wozu brauchen wir noch Möbel? Und erst recht die Möbelmessen?
Ein Vorschlag für Köln
Damit ich meine Rückschau nicht ganz so pessimistisch beende, könnte sich die Kölner Möbelmesse imm eine von der Milan Design Week inspirierte Rettungsstrategie überlegen. Lassen wir Aldi, Action und Kik immersive Pavillons aus Gemüselabyrinthen bauen, Stachelmöbel und sprechende Kunst von Bill Kaulitz für ein alle Sinne betörendes Erlebnis kuratieren.
Erco und Jung könnten den großartigen Schließfachraum aus dem Keller ihres neuen Münchner Showrooms, in dem bis zum letzten Jahr die ehemalige HypoVereinsUniCreditbank residierte, eigentlich genauso wie er ist, nach Köln bringen. Mit süßen Shaun-das-Schaf-Plastiktaschenanhängern könnten wir für das stundenlange Warten belohnt werden vor, sagen wir, Iris-von-Arnim-Pavillon und Teppich Kibek wäre doch ein perfekter Partner für einen Punch-Needle-Workshop, in dem wir Lucky Lukes Glimmstengel als phallusartige Gebilde demokratisch in die Fußmatten punchen....
Und Köln: Könntest du irgendwie Jil Sander überzeugen, wieder Jil Sander zu sein? Dann könnte das vielleicht wieder was werden.
Bis es soweit ist: Kopenhagen, ich komme!
Warum ich mich auf Kopenhagen freue
Warum? Weil Kopenhagen so wunderbar normal ist. Das ist im Jahr 2026 das größte Kompliment, das man einer Designmesse machen kann. Dort betrachtet man Design als das, was es ist. Nicht mehr und nicht weniger als das. Räume, Gedanken, Ideen. Menschen, die sich begegnen, Möbel, auf denen man sitzen darf.
Das Motto der 3 Days of Design 2026 lautet passenderweise: Make This Moment Matter. Es ist eine kluge Aufforderung an die Industrie und Kreative, sich von „mehr" auf „bedeutsam" zu kalibrieren, Substanz statt Oberfläche zu zeigen, zeitlos statt kurz spektakulär zu sein. Und wenn Mailand in diesem Jahr die Frage gestellt hat: „Wie laut können wir noch schreien, bevor jemand merkt, dass wir nichts zu sagen haben?", dann stellt Kopenhagen die andere, viel interessantere Frage: „Was bleibt eigentlich vom Design, wenn der Zirkuslärm verstummt?“
Genau das möchte ich herausfinden.
København, jeg har savnet dig.


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